Kritik am autokratischen Bildungssystem

Um Bildung zu verstehen muss das Gehirn verstanden werden. Angeborene Intelligenz existiert nicht in allgemein interpretierter Form - tatsächlich gibt es viel mehr eine Form kultureller Intelligenz, denn die Umgebung ist wesentlich relevanter für das Potential des menschlichen Gehirnes als die genetische Abstammung. Ein Indikator für diese Tatsache ist ein Experiment an Mäusen bei denen bestimmte kognitive Fähigkeiten durch Eingriff in die Genetik ausgeschaltet wurden. Der Organismus der Mäuse hat darauf reagiert, in dem die Gehirne der Tiere diese fehlenden Fähigkeiten durch andere Teile des Gehirns übernommen haben. Das Gehirn hat sich also seiner Umgebung angepasst und entsprechen eigenständig weiter entwickelt. Daraus kann man folgern, dass ein jedes Gehirn das Potential hat sich durch die richtige Umgebung weiter zu entwickeln.

 

Gleichzeitig wird ein Gehirn schwächer in einer Umgebung die das Gehirn nicht vor die Anforderungen stellt, die notwendig sind um sich zu entfalten. Man kann das Gehirn also als einen Muskel sehen, der richtig trainiert werden muss und das nicht im Bereich des Information auswendig lernen, sondern im Bereich der Selbständigkeit wie beispielsweise der Fähigkeit zum differenzierten Denken. Informationen zu lehren ist wichtig, einem Lernenden aber die Fähigkeit zum eigenständigen Denken zu geben ist noch viel wichtiger.

 

"Bildung ist ein selbstorganisierendes System, in dem Lernen ein aufkommendes Phänomen ist" - Sugata Mitra

 

Die heutige Abneigung gegen die Schule in unserer Gesellschaft ist nicht dadurch begründet, dass die Schüler nichts lernen wollen, im Gegenteil, Neugier und Forschungsdrang sind fest in der Natur eines Kindes verankert. Kinder die Interesse an etwas haben, werden eine maximale Aufnahmefähigkeit der Materie besitzen, während Kinder die zu etwas gezwungen werden, gegen die Unterdrückung blockieren, selbst wenn sie eigentlich ein gewisses Interesse an der Materie hätten. Das heutige autokratische Bildungssystem unterstützt jedoch weder freies differenziertes Denken, noch schafft es Neugier welche die wichtigste Grundvoraussetzung für Aufnahmefähigkeit ist. Es zerstört vielmehr Neugier und zwingt den Schüler dazu sich in ein System von Autorität, Leistungsdruck, Wettbewerb und Zwang einzufügen und unterdrückt somit effektiv jeden Ansatz von Motivation. Zunehmend mehr Schüler in Europa und den USA werden mit ADHS diagnostiziert und unter Medikamente gestellt, damit diese sich dem Unterrichtssystem ergeben und ihre Aufnahmefähigkeit künstlich steigern.

 

Schüler müssen auf die richtige Weise auf die jeweiligen Fächer vorbereitet werden. Hierzu muss zunächst erkannt werden, warum etwas gelernt werden muss. Man lehrt und lernt beispielsweise nicht Geschichte, nur um zu wissen zu welcher Jahrszahl was gewesen ist, sondern man lehrt und lernt Geschichte um in ihr einen Lehrmeister für die Zukunft zu haben. Dies ist der Zweck, und der geschichtliche Unterricht nur ein Mittel. Leider ist heute genau dieses Mittel der Zweck geworden und der eigentliche Grund warum Geschichte gelehrt werden sollte scheidet beinahe vollkommen aus. Diese wichtige Erkenntnis, was der Zweck ist und was das Mittel, wie am Beispiel Geschichte aufgezeigt ist notwendig für jedes Wissensfach. Weil diese Erkenntnis fehlt, verfallen Schüler und Studenten in unserem Bildungssystem häufig in einer Form von Wissensblockade. Sie verlieren die Fähigkeit kreativ zu denken, weil in einem kreativen Prozess Fehler unvermeidbar sind und unsere bestehendes Bildungssystem jedoch Fehler hart bestraft werden. Sie lernen vielmehr in höchst disziplinierter Weise gegebene Informationen zu speichern. So entstehen kaum eigene kreative Prozesse, sondern es werden wandelnde Lexikas erschaffen, die kaum einen eigenen Beitrag zur Erweitung des Wissens beitragen können, weil der Zweck des Wissensfaches nicht ausreichend aufgezeigt wird.

 

"If you are not prepared to be wrong, you will never come up with anything original" - Sir Ken Robinson

 

Je älter die Kinder werden, desto mehr haben Sie systembedingt Angst davor Fehler zu machen und ergeben sich einem System der Informationskopierung ansteller von individueller Kreativität. Dies ist durch das existierende Bildungssystem verschuldet, weil es Fehler im Rahmen des auf Noten basierenden Wettbewerbs bestraft. Diese Zerstörung von Mut zerstört auch den Mut zur Kreativität, denn Kreativität ist der Prozess originaler Ideengewinnung. Früher war die Definition einer intellektuellen Persönlichkeit die eines Individuums, welches möglichst viele Informationen in seinem Kopf angehäuft hat. Viele intellektuelle betrachten heute jedoch das logische Schlussfolgern als wahre akademische Fähigkeit und Definition von Intelligenz. Das autokratischen Schulsystem schläfert die Schüler ein und führt dazu dass diese sich blockieren, es sollten jedoch genau das Gegenteil zu erreichen versucht werden. Es ist notwendig dass die Kinder motiviert werden um ihr Potential zu entfalten. Wenn in einer Armee einst der Grundsatz galt, dass ein Befehl immer besser ist als keiner, so muss dies bei der Jugend zunächst heißen: Eine Antwort ist immer besser als keine. Die Furcht, aus Angst etwas falsches zu sagen muss überwunden werden, denn keine Antwort zu geben sollte beschämender sein als eine unrichtig gegebene Antwort. Von dieser Grundlage aus ist die Jugend dahingehend zu erziehen, dass sie den Mut zur Tat erhält, denn nur so können kreative Prozesse entstehen und aus Fehlern gelernt werden. Wenige Lehrer begreifen heute, dass das Ziel gerade des geschichtlichen Unterrichts beispielsweise nie und nimmer im Auswendiglernen und Herunterhaspeln geschichtlicher Daten und Ereignisse liegen kann. Es kommt nicht darauf ankommt, ob ein Kind nun genau weiß, wann diese oder jene Schlacht geschlagen, ein Feldherr geboren wurde, oder gar ein Monarch die Krone seiner Ahnen auf das Haupt gesetzt hat. Geschichte "lernen" bedeutet die Kräfte suchen und finden die als Ursachen zu jenen Wirkungen führen die wir dann als geschichtliche Ereignisse vor unseren Augen sehen. Wenn ein Kind an etwas interessiert ist, arbeiten die Sinne auf Hochtouren und die Aufnahmefähigkeit steigt enorm, wird es jedoch unter Leistungsdruck und Zwang gesetzt, ist es gerade bei Kindern mit freiem Geist der Fall, dass diese sich abschotten und blockieren um sich gegen die Unterdrückung zur Wehr zu setzen, was ihre Aufnahmefähigkeit enorm reduziert.

 

Differenziertes Denken bedeutet alle Aspekte eines Subjekts, beispielsweise einer These zu betrachten und die wertvollen herauszufiltern während die als wertlos erachteten Teile verworfen werden. Kreativität ist es eigene Ideen zu haben, die einen Wert haben. Differenziertes Denken ist die Fähigkeit möglichst viele Möglichkeiten im Inhalt einer Information zu betrachten oder eine Frage zu Interpretieren und mehrere Antwortmöglichkeiten zu suchen. Im existierenden Schulsystem wird meinst nur eine Antwort vermittelt welche die "einzig richtige" Antwort ist. Dies zerstört langfristig die Fähigkeit des differenzierten Denkens. Es gibt reichlich Menschen, die unendlich viel lesen und die man trotzdem nicht als gebildet bezeichnen sollte. Diese besitzen zwar eine Unmenge an Wissen, sind aber nicht in der Lage dazu eine Registratur der konsumierten Informationen durchzuführen. Sie haben nicht die Gabe aus einem Buch die wertvollen Informationen von den zwecklosen Informationen heraus zu filtern oder einen Kontext zwischen den Zeilen zu begreifen. Auch das Lesen ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu einem solchen, denn das Lesen soll helfen dienlich in der Weiterentwicklung zu sein, ganz egal ob diese Weiterentwicklung lediglich Beruf dienen soll oder der Berufung. Das wichtigste jedoch ist die Entwicklung des allgemeinen Weltbildes. In jedem Fall ist es das wichtigste, dass das Gelesene nicht chronologisch im Gedächtnis gespeichert wird sondern als Mosaiksteinchen für die Entwicklung des allgemeinen Weltbildes. Wenn man dem nicht folgt, entsteht ein wirres Durcheinander von angelernten Informationen, welches oftmals nicht nur wertlos ist, sondern schädlich sein kann denn es macht den scheinbar belesenen eingebildet und unzugänglich für andere Weltanschauungen, den dieser glaubt nun gebildet zu sein, vom Leben etwas zu verstehen, Wissen angehäuft zu haben, während er mit jedem Zuwachs an scheinbarer Bildung sich der Welt mehr und mehr entfremdet, bis er nicht selten als Politiker in einem Parlament endet.

 

Das existierende Bildungssystem ist das Produkt der Zeit des wirtschaftlichen und intellektuellen Aufbruchs und der industriellen Revolution. Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nicht einmal so etwas wie ein öffentliches Bildungssystem. Öffentliche, steuerfinanzierte Bildung, jederman zugänglich war eine revolutionäre Idee. Dieses Schulsystem beruht auf veralteten Weltanschauungen über die Lernfähigkeit der Schüler im Rahmen des gesellschaftlichen Klassensystems. Viele waren zu jener Zeit gegen ein Schulsystem für alle, sie behaupteten dass es unmöglich für viele Straßenkinder und Arbeiterkinder sei von den sozialen Strukturen und Kapazitäten zu profitieren. Es hieß es sei ihnen unmöglich schreiben und lesen zu lernen und eine Bildung für jederman Zeitverschwendung sei. Während die Bildung an sich durch die Wirtschaft vorangetrieben wurde, wurde die Bildungsweise dadurch bestimmt, was man früher über den menschlichen Verstand wusste. Man dachte dass Kinder dazu gezwungen werden müssen Informationen aufzunehmen und Disziplin sowie Kontrolle und Wettbewerb ausschlaggebende Faktoren für ein effektives Schulsystem sind. Diese fehlerhafte Denkweise wie der menschliche Geist funktioniert war im Fundament der sozialen Struktur früher genauso verankert wie viele fehlerhaften Denkweisen heute und schlägt sich in dem zur damaligen Zeit errichteten Schulsystem wieder, welches bis heute noch bestand hat, obgleich das Wissen um den menschlichen Geist sich weiter entwickelt hat.

 

"deep in the gene pool of public education; there are only two types of people - academic and non-academic; smart people and non smart people. And the consequence of that is that many brilliant people think they're not because they've been judged against this particular view of the mind." - Sir Ken Robinson

 

Das Ergebnis dieses Bildungssystems erbringt zwei Klassen von Menschen; akademische (intellektuelle) und nicht akademische (arbeitende). Während die Akademischen als intelligent angesehen werden, fühlen sich die nicht akademische Klasse als dümmer und fügen sich ihrer Rolle in diesem System, was großes Potential in dieser künstlich erschaffenen Klasse unterdrückt. Denn es ist erwiesen, dass Menschen die sich selbst als minderwertig betrachten sich selbst auch entsprechend in ihren Fähigkeiten unterdrücken. Obgleich einige von diesem Modell profitieren, ist es die große Mehrheit welche darunter leidet. Ein ausschlaggebender Indikator dieser Tendenz ist die steigende Zahl an ADHS Diagnosen welche dazu führt, dass gesunde Menschen als krank definiert werden, weil diese nicht in der Lage dazu sind Stunden um Stunden ruhig sitzen zu bleiben. Als Folge dieser Diagnose werden sie zunehmen mit Medikamenten gefügig gemacht um ihre natürlichen Ambitionen zu unterdrücken. Es kommt hierbei gar nicht in den Sinn, dass sportliche Aktivitäten, so genanntes auspowern, evolutionär erwiesen für einen gesunden Geist unbedingt notwendig ist. Nie zu vor wurden Kinder so stark mit Medikamenten vollgepumpt, zum stillsitzen verdonnert und mit Informationen gefüttert wie heute, während sie gleichzeitig davon der Konsumgesellschaft und ihrem überall präsenten Marketing von den wichtigen Sachen abgelenkt werden.  Das heutige Schulsystem, ist erfolglos dabei kreative, differenziert denkende Menschen zu entwickeln, die gerne neue Sachen lernen wollen und motiviert dazu sind sich intellektuell und charakterlich weiter zu entwickeln. Es belohnt vielmehr Disziplin und stures Auswendiglernen, also seinen freien Geist unterdrücken zu lassen und sich den Zwängen des autokratischen Schulsystems zu unterdrücken. Wer sich dieser Unterdrückung nicht beugt, wird als Problemkind abgestempelt.

 

Manch einer mag vor einer solch radikalen Bezeichnung 'autokratisches Schulsystem' zurück schrecken, jedoch sollte einmal der Versuch unternommen werden, das existierende Bildungssystem rational und nüchtern zu analysieren und mit den Aspekten, welche eine Autokratie definieren zu vergleichen. In einem autokratischen System gibt es kein Mitbestimmungsrecht, die Untergebenen haben sich den existierenden Strukturen und den Autoritäten, welche diese Strukturen durchsetzen zu ergeben und ihren Forderungen sowie Ansprüchen zu folgen.  Die Untergebenen werden überprüft, überwacht, bestraft und das freie Denken unterdrückt. Diese definierenden Aspekte eines autokratischen Systems finden sich auch in unserem heutigen Schulsystem wieder. Das heutige Bildungssystem basiert auf Wettbewerb, Disziplin und das akzeptieren, sowie auswendig lernen von vorgelegten Informationen. Ein Hinterfragen der Lernmethode oder der Informationen ist nicht erwünscht. Das freie Denken, Kreativität und Teamwork werden gezielt von diesem Bildungssystem unterdrückt. Leistung definiert sich durch das Vortragen auswendig gelernter Informationen und der Lernerfolg wird durch ein striktes Wettbewerbssystem gemessen. Diese Aspekte des Bildungssystems können oft sehr destruktive Folgen für ein Individuum haben. Es zerstört Neugier und somit Motivation. Das heute existierende Bildungsmodell wurde durch die Industrialisierung geformt. Schulen funktionieren wie Fabriken, mit Stundenglocken und eigenen Produktionsbereichen und Kinder werden in Gruppen gesammelt und nach Alter sortiert. Es wird kaum darauf geachtet, dass es Kinder gibt, welche in einem bestimmten alter wesentlich weiter entwickelt oder so genannte 'Spätzünder' sind, das Bildungsmodell ist nicht darauf angepasst, dass die Kinder ganz eigene Talente und Fähigkeiten haben, zu bestimmten Tageszeiten besser sind, produktiver in kleinen Gruppen, großen Gruppen oder auch alleine sind. Ein wirklich effektives Lernsystem sollte sich von diesem Produktionsdenken der Industrialisierung befreien um den Kinder die individuelle Möglichkeit der Entfaltung zu geben.